#NEUERREKTOR
"Wir sind vor gewissen Tendenzen nicht gefeit, sondern wahrscheinlich sogar sehr anfällig"
Gert Mayer erzählt anhand seiner eigenen Biografie, wie sich die medizinische Ausbildung verbessert hat, und was es dennoch zu ändern gilt. Er bekennt sich zur akademischen Spitzenmedizin, verweist auf "gruselige" Tendenzen in Trumps Amerika und warnt vor Wissenschaftsfeindlichkeit auch bei uns
Gert Mayer ist seit 1. Oktober 2025 Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck. Seine Inaugurationsrede, gehalten am 14. Jänner 2026, in Auszügen:
Als ich mit dem Medizinstudium begonnen habe, gab es in Österreich ca. 15.000 praktizierende Ärzt:innen, man sprach von einer Ärzt:innenschwemme und es war klar, dass man nach dem Abschluss arbeitslos ist, und so war es auch. Heute gibt es bei über 50.000 Kolleg:innen einen - zumindest gefühlten - Mangel. Darüber könnte man schon nachdenken.
Wir waren an der Universität Wien allen Unkenrufen zum Trotz ca. 2.100 Kommilitonen, die Hörsäle waren hoffnungslos überfüllt. Konsequenterweise gab es daher vor dem ersten Sezierkurs eine KO-Prüfung, das Knochenkolloquium. Man betrat einen Raum, in dem ein Anatomieprofessor (ich „gendere“ hier bewusst nicht, es gab damals tatsächlich ausschließlich Männer) mit einem Leinensack stand. Darin befanden sich verschiedene Knochen und er zog einen heraus. Kannte man das gute Stück, ging es weiter, sonst war ein Studienjahr verloren. Es gab nur ein Ziel: eine Reduktion der Studierenden auf ca. 500 pro Jahrgang. Also: freier Zugang am Beginn, aber beinharte Selektion später. Von den 2.100 Anfängern haben 1.600 ein Jahr ihres Lebens verloren. Heute gibt es in Österreich pro Jahr ca. 40.000 Maturant:innen, 15.000 davon wollen Medizin studieren und meiner Meinung nach ist es eine bessere Lösung, die Auswahl bereits vor Studienbeginn durchzuführen. An dieser Prüfung, dem MedAT gibt es Kritik, zum Beispiel, weil die soziale Treffsicherheit fehle. Ich glaube, dass die Frage, wer sich für ein Medizinstudium überhaupt interessiert oder nicht, schon lange vor dem 18. Lebensjahr entschieden wird. Auch die Aussage, dass erfolgreiche Absolvent:innen weniger empathisch seien als ihre Jahrgangskolleg:innen, die die Prüfung nicht bestehen, entbehrt für mich jeglicher Grundlage.
Semestre filtro, ein verfehltes Experiment
Natürlich will man mit dem MedAT die Zahl der erstsemestrigen Studierenden begrenzen. Es geht aber auch darum, jene Personen zu identifizieren, die in der Lage sind, das Studium in der Regelzeit zu absolvieren. Das Knochenkolloquium mit seinem sehr fraglichen Konnex zu sozialer Treffsicherheit und Empathie hat in dieser Hinsicht versagt. Nur 60% von jenen, die diesen Test bestanden haben, haben auch das Studium beendet. Heute, in der Zeit des MedAT, beenden weit über 90% ihre Ausbildung in der Regelzeit. Für mich ist der MedAT eine gute Sache, aber es gibt, wie gesagt, Kritik. In Italien hat man dieser nachgegeben und 2025 wieder einen freien Zugang eingeführt. 54.000 junge Menschen treffen auf eine infrastrukturelle Kapazität in späteren Semestern von 24.000 Plätzen. Daher gibt es das sogenannte „semestre filtro“, an dessen Ende eine Prüfung aus Physik, Chemie/Biochemie und Biologie steht, ein modernes Knochenkolloqium, wenn Sie so möchten. Heuer haben über 80% der Studierenden die Physikprüfung nicht bestanden und Italien steht nun vor dem grotesken Problem, wie man die Studienplätze regulär auffüllen kann.
MedAT: Beibehalten, aber weiterentwickeln
Ist der MedAT perfekt? Nun, wie schon erwähnt, erfasst der Test jene Menschen, die das Studium und damit hoffentlich auch später das Berufsleben gut meistern werden. Da sich der Arztberuf massiv verändern wird, müssen wir auch den Inhalt des MedAT verändern. Wir werden nicht mehr jene suchen, die in der Lage sind, Fachwissen anzuhäufen, sondern jene mit der Fähigkeit zu vernetztem Denken und exzellenten Kommunikationsfähigkeiten. Also: Weiterentwickeln ja, Abschaffen aber nein.
Akademische Spitzenmedizin und Spitzenmedizin: der feine Unterschied
Ich habe es fast geschafft, das Studium in der Regelzeit zu beenden, das hat aber wenig genutzt. Nach meinem Abschluss arbeitete ich drei Jahre ohne Gehalt, um eine Chance auf eine Anstellung an der Medizinischen Universität in Wien zu bekommen. Das war aber immer noch gut investierte Zeit. Parallel dazu hatte ich mich 1983 de facto in allen Krankenhäusern Wiens und Niederösterreichs beworben und 1991 kam tatsächlich eine Nachricht von der Gemeinde Wien, dass es nun nicht mehr lange dauern wird, bis ein Turnusplatz für mich frei wird. Ich habe zurückgeschrieben, dass dies sehr nett ist, ich inzwischen aber habilitiert bin und an der Medizinischen Universität Wien weiterarbeiten möchte. Meine Hinwendung zur Universitätsmedizin war eine herbe Enttäuschung für meine Frau, die mich gerne als Landarzt gesehen hätte. Ich wollte Teil der akademischen Spitzenmedizin werden und diese gibt es nur in Universitätskliniken. Nur zur Klarstellung: Spitzenmedizin, also Versorgung auf dem höchsten Niveau, gibt es überall. Akademische Spitzenmedizin vereint aber alle Komponenten der Humboldt’schen Trias: Forschung, Lehre und Krankenversorgung. Sie bringt Innovation an das Krankenbett. Umgekehrt treibt die Krankenversorgung die Forschung und die forschungsgeleitete Lehre. Das Krankenhaus und die Universität sind ineinander verwoben, voneinander abhängig und stimulieren sich gegenseitig. Die Medizinische Universität Innsbruck und die Universitätskliniken am Landeskrankenhaus sind ein Beispiel dafür, was durch derartige Kooperation erreicht werden kann. Im rezenten Times Higher Education Ranking rangiert die Medizinische Universität Innsbruck weltweit unter den besten 250 Einrichtungen. Bei Universitäten, die jünger als 50 Jahre sind, liegen wir auf Stelle 30. Die Zeitschrift Newsweek publiziert das Worlds Best Hospital Ranking, also eine Reihung nach der Qualität der angebotenen Versorgung. Dort liegen die Universitätskliniken am Landeskrankenhaus Innsbruck auf Platz 56.
"Zawos braucht ma des?"
Derartige Spitzenleistung gibt es nicht umsonst, und Helmut Qualtinger als Herr Travnicek würde wohl fragen: „Zawos braucht ma des?“ Warum soll sich ein kleines Land wie Österreich eine eigene akademische Spitzenmedizin leisten? Reicht nicht die optimale Versorgung alleine, also Spitzenmedizin? Ein kurzer Blick über den Atlantik, nach Osten oder nach China zeigt, warum wir in Europa, und Österreich ist ein wichtiger Teil davon, eine eigenständige akademische Spitzenmedizin brauchen. Wenn wir in der Landesverteidigung selbständig werden müssen, müssen wir es umso mehr in unserem Denken. Der Forschungsplatz Österreich und damit die akademische Spitzenmedizin als wesentlicher Bestandteil sind kein Luxus, sondern eine intellektuelle und gesellschaftspolitische Notwendigkeit. Und so nebenbei: Wissenschaft rechnet sich. 3,5 Milliarden Staatsausgaben für Universitäten bringen nach drei bis fünf Jahren 3,9 Milliarden Einnahmen und sieben Milliarden Wertschöpfung. Zehn Prozent des realen jährlichen BIP-Wachstums kommen von Hochschulen.
Trotzdem müssen wir weiter investieren. Wir brauchen die Unterstützung des Landes und des Bundes, um konkurrenzfähig zu bleiben. Universitätskliniken leben von spezialisierten Strukturen, die anders sind als jene, die die Basisversorgung oder sogar die Spitzenmedizin benötigen. In Anbetracht der finanziellen Schwierigkeiten, die das Gesundheitssystem derzeit hat, keine leichte Aufgabe. Aber es muss uns klar sein, dass die akademische Spitzenmedizin, wenn sie einmal verloren wurde, nicht wieder zurückkommt.
Gruselige Tendenzen im Trump-Amerika
Wir brauchen stabile Strukturen, auch weil es an Wissenschaft und Forschung zunehmend Kritik, oder wie man sagt, Wissenschaftsskepsis, gibt. Diese muss von der Skepsis in der Wissenschaft, das kritische Hinterfragen von Ergebnissen als notwendigen Teil der Forschung, unterschieden werden. Hier geht es um eine negative Einstellung gegenüber der Institution Wissenschaft als solche, sie hat die prinzipielle Absicht, die Wissenschaft schlecht darzustellen. Mich persönlich fasziniert, dass sich selbst die größten Gegner des rationalen Denkens, wenn es gelegen kommt, das Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit umhängen. Wir kennen so ein Verhalten auch aus der Politik: Selbst in autoritären Staaten wird gewählt, selbst Despoten suchen so etwas wie die demokratische Autorisierung, auch wenn sie gleichzeitig die Demokratie als schwach und überkommen ablehnen. Im Bereich der Medizin, Wissenschaft und Forschung ist es ähnlich. Der amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. vertritt die Meinung, dass Impfungen Autismus auslösen. Er beschuldigt Gegner, die diesen Zusammenhang verneinen, nicht evidenzbasiert zu handeln, weil es keine Studie gibt, die seine Behauptung mit Sicherheit ausgeschlossen hat. Hier fällt mir ein satirischer Artikel im British Medical Journal zu „evidence based medicine“ ein, der vor einigen Jahren erschienen ist. Dort wurde, wie gesagt scherzhaft, postuliert, dass es nicht erwiesen ist, dass Fallschirme, wenn man sie bei einem Sprung aus dem Flugzeug trägt, Leben retten, weil es noch keine prospektive randomisierte Studie zu diesem Thema gibt. Es wurde gefordert, dass 100 Personen mit und 100 Personen ohne Fallschirm abspringen, und erst der Ausgang dieses Versuchs würde Klarheit bringen. Bis dahin seien positive Aussagen zu Fallschirmen nicht mehr als eine persönliche Meinung. Auch Donald Trump entdeckt zumindest fallweise seine Liebe zu den Naturwissenschaften, und zwar insbesondere zur Humangenetik. Er spricht von „schlechten Genen“, die für den sozialen Niedergang in manchen Gegenden seines Landes verantwortlich seien. Zuletzt wurde eine Studie aufgegriffen, die bestimmte genetische Merkmale mit Armut assoziiert und daraus wird geschlossen, dass es keinen Sinn macht, ja sogar unmoralisch ist, in Bevölkerungsgruppen mit diesen Genen zu investieren, weil sie eben nicht mit Geld umgehen können. Vice versa schrieb ein der Bewegung nahestehendes Journal kürzlich, ebenfalls bezugnehmend auf diese Studie, “The rich and powerful deserve to be rich and powerful because of something within them”. Ganz schön gruselig, oder?
Wissenschaftsfeindlichkeit und Obrigkeitshörigkeit
In Österreich sind wir, Gott sei Dank, nicht so weit, aber wir sind, zumindest meiner Meinung nach, durchaus anfällig. Eine kürzlich in Nature Human Behaviour erschienene Studie hat das Vertrauen in Wissenschafter:innen, also die Menschen, die hinter der Wissenschaft stehen, in 68 Ländern verglichen. Österreich liegt an der 52. Stelle, immerhin zwei Positionen vor Kamerun, aber 28 hinter Ghana. Einer der bedeutendsten negativen Einflussfaktoren auf das Vertrauen war eine „social dominance orientation“ der Bevölkerung. Je stärker also eine Bevölkerung an Hierarchien glaubt, desto geringer das Vertrauen in Wissenschafter:innen. Kann das eine Erklärung für das schlechte Abschneiden Österreichs sein?
Johannes Starkbaum vom IHS hat eine Ursachenstudie zu Ambivalenz und Skepsis in Bezug auf Wissenschaft und Demokratie in Österreich publiziert. Diese enthält auch auf 60 Seiten eine historische Perspektive, die ich Ihnen, wie die Lektüre der gesamten Arbeit, aus ganzem Herzen empfehlen kann. Man lernt dabei viel über unsere Heimat.
Starkbaum vertritt die These, dass sich im Zuge der Reformation Gesellschaften wie in England oder Frankreich mit starken Ständen und einer Hinwendung zu den Naturwissenschaften gebildet haben. Im Heiligen Römischen Reich besiegte Kaiser Ferdinand II 1620 in der Schlacht am weißen Berg die böhmischen Stände und leitete damit die Gegenreformation ein. Diese Sozialisierung von oben durch Staat und Kirche brachte Obrigkeitshörigkeit, aber gleichzeitig eine Forderungshaltung an den Staat und die Kirche mit sich und ging mit einer eher unscharfen Sprache einher. Man will sich nicht angreifbar machen. Gleichzeitig entstand ein Widerstand gegen „die da oben“ und die Naturwissenschaften traten gegenüber den Künsten in den Hintergrund. Diese Kultur hatte viele Jahrhunderte Bestand und prägt bis heute unseren nationalen Habitus. Noch Karl Lueger hat gemeint, dass "Wissenschaftler Pfuscher sind, solange es ihnen nicht gelingt, Gras herzustellen, das eine Kuh fressen kann“. Er vertrat auch bei einer Debatte über die Pockenepidemie im Wiener Gemeinderat die Meinung, dass "infolge des Impfens und der förmlichen Impfpanik viel mehr Todesfälle eingetreten sind als durch die Blattern während der ganzen Zeit selbst". Das kommt einem doch sehr bekannt vor. Schon damals nutzte man Kritik an der Medizin und Wissenschaft, um populistisch Wählerstimmen im Segment der sogenannten "Modernisierungsverlierer" zu gewinnen. Auch heute stehen wir vor diesem Phänomen und in Anbetracht unserer Geschichte dürfen wir uns nicht ruhig zurücklehnen und sicher fühlen. Wir sind vor gewissen Tendenzen nicht gefeit, sondern wahrscheinlich sogar sehr anfällig.
Es gibt viel zu tun für starke Universitäten
Was gilt es zu tun: Wir müssen unsere dritte Mission als Universitäten verstärkt wahrnehmen. Wir müssen erklären, was Wissenschaft kann und was nicht, gleichzeitig aber darauf hinweisen, dass es kein besseres Instrument gibt, um Entscheidungsfindungen zu unterstützen.
Dazu brauchen wir starke Universitäten.
Medizinische Universitäten leben von der Stärke der Studierenden, der Naturwissenschafter:innen und der Mediziner:innen. Und wir brauchen eine starke, innovative Administration. Innsbruck hat all das vorzuweisen und unsere Aufgabe als Rektoratsteam wird es in den nächsten Jahren sein, alles zu unternehmen, um unseren Kolleg:innen weiterhin optimale Voraussetzungen für Ihre Arbeit zu bieten.
Alles in Allem: Wir haben viel zu tun in einer sich dramatisch und rasch ändernden Welt. Wer soll aktiv sein, wenn nicht wir?